Lesungen

Sylk Schneider liest

19.11.09, 19.00 Uhr | Schillers Gartenhaus

Goethe und Brasilien? - auf den ersten Blick erscheint das eine gewagte Juxtaposition. Geistige Verbindungen zum "anderen" Amerika, den im Nordteil des Doppelkontinents gelegenen Vereinigten Staaten, denen der Dichter die eingangs zitierten, 1827 entstandenen Verse widmete, gab es offensichtlich. Aber Brasilien? Bei genauerem Hinsehen - und hierin besteht das Verdienst des vorliegenden Werkes - gelangt man jedoch zu der Feststellung, dass das damals sehr viel abgelegenere Land, welches seine Unabhängigkeit erst 1822 erlangte und in dem die deutsche Einwanderung erst 1824 einsetzte, den Naturforscher Goethe sehr wohl fasziniert und beschäftigt hat.

Grußwort zu "Goethes Reise nach Brasilien" von Prot von Kunow
Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Brasilien

Sylk Schneider liest aus seinem Buch Goethes Reise nach Brasilien im Schillerhaus.
Mehr Informationen finden Sie unter http://www.goethebrasil.de/


Commons - Wir sind reicher, als wir denken!

18.11.2009 | 19.00 Uhr
Campus der Universität
Carl-Zeiß-Str. 3, Hörsaal 5

Silke Helfrich und die Heinrich Böll Stiftung haben einen Sammelband zur Wiederentdeckung der Gemeingüter herausgegeben. U.a. mit Beiträgen von Pat Mooney (Alternativen Nobelpreisträger), Richard Stallman (Guru und Begründer der Freien Software Bewegung), Yochai Benkler (Harward Professor), Elinor Ostrom (eine der weltweit renommiertesten GemeingüterforscherInnen), sowie zahlreichen weiteren Autorinnen aus Lateinamerika, den USA, Deutschland und Indien.
"Wem gehört die Welt" ist eine faszinierende Reise zu den Dingen, die Wasser und Wissen, Kultur und Atmosphäre, Gene und Bytes gemeinsam haben. Sie sind unabdingbar für uns, und gehen doch der Gesellschaft verloren, weil sie privatisiert und der allgemeinen Verfügung entzogen, missbraucht oder unbezahlbar werden. Davon lesen wir täglich in der Zeitung: Konflikte um Trinkwasser, Urheberrechtskriege" und Softwarepatente, die Übernutzung von Biodiversität, Boden und Atmosphäre.
Gemeingüter sind überall!
Die Krisen der Gegenwart haben die Debatte um die Gemeingüter (engl. Commons) neu entfacht. Antwort auf diese Krisen bieten weder Markt noch Staat allein. Die Innovationen kommen von unten. Das beweist eine "Bewegung ohne Namen" (Paul Hawken), die die Freie Software Community mit "den Ökos" verbindet. Ein Mix aus Vortrag, Buchlesung und Diskussion versprechen einen bereichernden Abend.

Anschließend Diskussion mit Prof. Dr. Klaus Dörre, Institut für Soziologie, FSU Jena.


Bernardo Carvalho

6. November 20.15 Uhr: Lesung und Gespräch in der Universitätsbuchhandlung Thalia mit einem der wichtigsten Autoren Brasiliens der Gegenwartsliteratur. Anlass ist der Roman In São Paulo geht die Sonne unter. Auf Deutsch sind auch Neun Nächte und Mongólia bei Luchterhand Random House erschienen.

Hier ein kurzes Interview mit Carvalho:

Iberoamérica e.V.: Das Verhältnis zwischen Fiktion und Realität ist ein Thema, das in Ihren Büchern oft vorkommt. Glauben Sie, dass die Menschen diese beiden Ebenen mehr und mehr verwechseln? Wenn ja, ist das gut oder schlecht für die Literatur?

Bernardo Carvalho: Manchmal denke ich schon, dass sie durcheinandergebracht werden. Das hängt vor allem mit der Massenkultur zusammen, mit dem Internet, usw., aber ich wüsste jetzt nicht zu sagen, wie genau und in welchem Maß das passiert. Das Reale ist immer stärker als jede virtuelle Realität und zwar schon deshalb, weil wir mit der Realität unserer Sterblichkeit konfrontiert sind. Nun, was die Rezeption meiner Bücher betrifft, vor allem Neun Nächte und Mongólia, war das, was mir am stärksten auffiel, die Neugier und die Beharrung der Leser, die Realität von der Fiktion zu unterscheiden – statt sie zu verwechseln. Sie waren mehr daran interessiert, zu wissen, was in den Romanen tatsächliche oder wirkliche Erlebnisse waren, und nicht an den Romanen an sich, als literarische Werke. Sie reduzierten die Romane auf einen Bericht von realen Fakten und Erlebnissen, und das ist für das literarische Schaffen im Allgemeinen abträglich. Ich halte das für ein sehr verarmtes Verständnis von Literatur.

Es gibt eine Passage in Die Betrunkenen und die Schlafwandler, in der der Ich-Erzähler sagt: „für den Paranoiden gibt es keine Zufälle […]; In der Welt des Paranoiden existiert Gott, der alles immer sieht, die Paranoia ist eine Art Religion“. Die Paranoia scheint der Treibstoff der Erzähler Ihrer Romane zu sein. Ist das so?

Vielleicht. Es ist lustig, ich bin ein Schriftsteller „des Gegensatzes“, ein wenig trotzig; wenn mir nahegelegt wird, in eine bestimmte Richtung zu gehen, wähle ich ausgerechnet die entgegengesetzte. Und ich denke, das ist die Art und Weise, wie ich mit der Paranoia und auch anderen Dingen umgehe: Um sie aufzuwerten, versuche ich, die Bedeutungen, die diesen Dingen für gewöhnlich zugeschrieben werden, abzuwandeln. Normalerweise sieht man in der Paranoia eine Krankheit, Verzerrungen und Täuschung. Was mich interessiert, ist, die Paranoia von der Stelle des Pathologischen zu befreien, und sie analog zum eigentlich literarischen und erzählenden Schaffen zu denken, das darin besteht, einer Sache, die keinen Sinn hat, Sinn zu verleihen. Der Paranoide sieht Dinge, in denen es nichts gibt, er stiftet dort Bedeutung, wo keine ist. Ich denke an die Literatur gern als an eine solche Möglichkeit der Sinngebung des Sinnlosen.

Einer Ihrer größten Einflüsse ist der Schriftsteller Thomas Bernhard. Können Sie ein wenig über Ihre Beziehung zu seiner Literatur sprechen?

Ich weiß nicht, ob es ein Einfluss ist. Eigentlich begann ich, Thomas Bernhard zu einem Zeitpunkt zu lesen, in dem es genau das war, was ich brauchte. Durch Bernhard wurde mir klar, dass man erst an dem Tag zum Schriftsteller wird, an dem man versteht, dass man nicht versuchen sollte, seine vermeintlichen Fehler – die die anderen dir zuschreiben – zu beheben; im Gegenteil: man sollte die Qualität aus ihnen ziehen, sie in Stil verwandeln. Das Beste, das jeder Schriftsteller in sich trägt, ist das, was man normalerweise durch Regeln als Fehler aufzufassen gewohnt ist. Ein Schriftsteller wird einzigartig, wie Bernhard, erst, wenn er seine eigenen Fehler in literarische Werke transformiert. Und das verstand ich erst wirklich, als ich ihn las. Andererseits sind solche Schriftsteller eine Falle für die nachfolgenden Literaten. Sie sind wie schwarze Löcher, mit einer solchen Anziehungskraft, dass die Gefahr besteht, in ihnen zu verschwinden. Es kann schnell passieren, dass man zu einem Imitator von Bernhard
wird. Oder nehmen wir Guimarães Rosa oder Beckett – selbst Marguerite Duras, die ich nicht neben die anderen stellen würde, trotzdem sie eine Schriftstellerin ist, der es auch gelang, ihre eigensten Züge, ihre „Fehler“ in ein literarisches Werk zu bringen – sie alle sind Schriftsteller, die man lieben kann, aber man muss vor ihnen fliehen, wenn man wirklich selber schreiben will. Denn man kann von ihnen erschlagen werden. Heute kann ich Bernhard nicht mehr lesen, obwohl er immer noch mein Lieblingsautor ist.


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